Donnerstag, 5. September 2013

Roman: Elia Barceló – Das Rätsel der Masken


In Barcelós erstem realistischem Roman geht es um den toten argentinischen Schriftsteller Raúl de la Torre und dessen noch lebende Bekannte. Der deutsche Literaturwissenschaftler Ariel Lenormand möchte eine Biografie über den von ihm verehrten Schriftsteller verfassen und reist dazu nach Paris, wo er Raúls Ex-Frau sowie seinen (schwulen) besten Freund interviewt. Dabei entdeckt Ari, dass es rund um Raúls Leben einige ungeklärte Vorfälle gibt.

Das Rätsel der Masken ist ein exzellenter Sozialkrimi, dessen Seiten vor dem Leser wie im Flug dahinwehen. Jede Figur weiß etwas anderes über Raúl, interessant ist daran aber, dass sie alle diese Geheimnisse für sich bewahren. Die Gründe dafür sind unterschiedlich, aber stets plausibel.
Aufgrund dieser spannenden Konstellation entwickelt sich eine Dynamik wie in einer Shakespeare-Komödie: Nur der Leser kennt sämtliche Handlungsfäden. Und wie bei Shakespeares Werken macht es auch hier einen Riesenspaß, dabei zuzusehen, wie die Figuren langsam alle Geheimnisse entschlüsseln und sich das Puzzle nach und nach zusammensetzt.
Das klischeehafte Bild der Bohème wird von der Autorin aufgegriffen, ohne jemals einfallslos zu wirken. Die intellektuellen Figuren dieses Romans, allesamt Schriftsteller, Verleger, Jazz-Musiker oder Wissenschafter, führen nämlich keine ermüdenden Gespräche über den Sinn des Lebens, Politik oder ähnliches. Stattdessen darf man sich auf hervorragende Charaktere freuen, die sich innerhalb der romantischen Kulisse von Rom und Paris bewegen.
Aufgrund Barcelós spanischer Herkunft erwartete ich eine verträumte, schwebend-schillernde Sprache wie von Carlos Ruiz Zafón oder Jaume Cabré gewohnt. Damit kann Barceló nicht aufwarten, ihr Stil ist dafür klar, ohne schablonenhaft zu wirken. Die Relativität dieser Aussage sollte dringend unterstrichen werden, da sie weit besser schreibt als andere Autoren. Eine Metaphernwucht wie bei Zafón hätte auch nicht zu der Handlung gepasst, denn Barcelós Plot erdrückt einen vor lauter Aufregung. Ihre Sprache reißt einen nämlich umso mehr in das Geschehen hinein.

Das Rätsel der Masken ist Freunden von Zafóns Der Schatten des Windes dringend ans Herz gelegt: Es entfaltet sich eine spannende Aufklärungsjagd nach romantischen Geheimnissen vor der Kulisse nostalgischer europäischer Metropolen. Tolles Buch!


9.0/10

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