In Barcelós erstem realistischem
Roman geht es um den toten argentinischen Schriftsteller Raúl de la Torre und
dessen noch lebende Bekannte. Der deutsche Literaturwissenschaftler Ariel
Lenormand möchte eine Biografie über den von ihm verehrten Schriftsteller
verfassen und reist dazu nach Paris, wo er Raúls Ex-Frau sowie seinen
(schwulen) besten Freund interviewt. Dabei entdeckt Ari, dass es rund um Raúls
Leben einige ungeklärte Vorfälle gibt.
Das Rätsel der Masken ist ein exzellenter Sozialkrimi, dessen
Seiten vor dem Leser wie im Flug dahinwehen. Jede Figur weiß etwas anderes über
Raúl, interessant ist daran aber, dass sie alle diese Geheimnisse für sich
bewahren. Die Gründe dafür sind unterschiedlich, aber stets plausibel.
Aufgrund dieser spannenden
Konstellation entwickelt sich eine Dynamik wie in einer Shakespeare-Komödie:
Nur der Leser kennt sämtliche Handlungsfäden. Und wie bei Shakespeares Werken
macht es auch hier einen Riesenspaß, dabei zuzusehen, wie die Figuren langsam alle
Geheimnisse entschlüsseln und sich das Puzzle nach und nach zusammensetzt.
Das klischeehafte Bild der Bohème
wird von der Autorin aufgegriffen, ohne jemals einfallslos zu wirken. Die intellektuellen
Figuren dieses Romans, allesamt Schriftsteller, Verleger, Jazz-Musiker oder
Wissenschafter, führen nämlich keine ermüdenden Gespräche über den Sinn des
Lebens, Politik oder ähnliches. Stattdessen darf man sich auf hervorragende
Charaktere freuen, die sich innerhalb der romantischen Kulisse von Rom und
Paris bewegen.
Aufgrund Barcelós spanischer
Herkunft erwartete ich eine verträumte, schwebend-schillernde Sprache wie von
Carlos Ruiz Zafón oder Jaume Cabré gewohnt. Damit kann Barceló nicht aufwarten,
ihr Stil ist dafür klar, ohne schablonenhaft zu wirken. Die Relativität dieser
Aussage sollte dringend unterstrichen werden, da sie weit besser schreibt als
andere Autoren. Eine Metaphernwucht wie bei Zafón hätte auch nicht zu der
Handlung gepasst, denn Barcelós Plot erdrückt einen vor lauter Aufregung. Ihre
Sprache reißt einen nämlich umso mehr in das Geschehen hinein.
Das Rätsel der Masken ist Freunden von Zafóns Der Schatten des Windes dringend ans Herz gelegt: Es entfaltet sich
eine spannende Aufklärungsjagd nach romantischen Geheimnissen vor der Kulisse nostalgischer
europäischer Metropolen. Tolles Buch!
9.0/10

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